Wir brauchen eine CO2-Abgabe

Energieberater Klaus Keßler fordert im RNZ-Interview eine neue Ausrichtung in der Klimapolitik und die konsequente Verteuerung klimaschädlicher Energien

Von Carsten Blaue

Heidelberg/Region. Beim Klimaschutz seien alle in der Verantwortung, sagt Klaus Keßler. Bürger, Gewerbe, Industrie, Kommunen, Politik: Jeder müsse seinen Beitrag leisten, so der Geschäftsführer der Klimaschutz- und Energieberatungsagentur Heidelberg-Rhein-Neckar. Damit könne man den Klimawandel zwar nicht abwenden. Aber begrenzen.

Herr Keßler, wie macht sich der Klimawandel bei uns bemerkbar?

Das Klima in Baden-Württemberg hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts spürbar verändert: Die Durchschnittstemperatur ist in den letzten hundert Jahren um etwas mehr als ein Grad Celsius von rund acht auf über neun Grad Celsius gestiegen. Während die Sommertage zugenommen haben, sind die Eistage deutlich seltener geworden. Es gibt einen Trend zu höheren Niederschlägen im Winter und zu trockeneren Sommern. Generell ist festzustellen, dass extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Stürme und starke Niederschläge häufiger auftreten. Städte und Gemeinden müssen sich mit Maßnahmen zur Klimaanpassung auseinandersetzen. Das ist ganz klar ein Thema.

Lässt sich der Klimawandel überhaupt noch stoppen?

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Nein. Aufgrund der Trägheit des Klimasystems würde sich trotz eines sofortigen Emissionsstopps der Temperaturanstieg zunächst fortsetzen. Das heißt, wir können die Folgen der globalen Erwärmung bestenfalls begrenzen, nicht aber abwenden. Dazu hat sich die Staatengemeinschaft in Paris auf das sogenannte Zwei-Grad-Celsius-Ziel geeinigt. Das heißt, eine drastische Reduzierung der CO2-Emissionen besonders in den Industrieländern. Die aktuellen politischen Anstrengungen im Klimaschutz reichen allerdings nicht aus, um diese Ziele zu erreichen.

Die KliBA berät die Kommunen in der Region in Fragen des Klimaschutzes. Was können diese noch besser machen?

Zunächst muss man feststellen, dass der Anteil der durch die kommunalen Liegenschaften verursachten CO2-Emissionen als Ursache des Klimawandels mit zwei bis vier Prozent eher gering ist.

Bild: © KliBA, Christian Buck

Städte und Gemeinden müssen aber Vorbildfunktionen haben und sind so wichtige Akteure, um bundespolitische Ziele vor Ort umzusetzen. Etwa durch eigene Energieeffizienzmaßnahmen an ihren Gebäuden oder den Einsatz erneuerbarer Energien. Die Rathäuser müssen das Thema in die Bürgerschaft, in Unternehmen vor Ort tragen. Sensibilisierung ist ein langwieriger Prozess. Viele der Kommunen im Rhein-Neckar Kreis und der Rhein-Neckar-Kreis selbst haben sich in den letzten Jahren ein Klimaschutzkonzept erstellen lassen. Die Maßnahmen darin müssen mit Bürgern und Gewerbetreibenden gemeinsam entwickelt werden. Das ist ganz wichtig. Und die Maßnahmenkataloge dürfen danach nicht in der Schublade verschwinden. Da müssen Prozesse in Gang gesetzt werden.

Sie sprechen die Bürger an. Nehmen diese die Folgen des Klimawandels wirklich ernst genug?

Neueste Umfragen zeigen ja, dass die größte Sorge der Deutschen der Klimawandel ist. Allerdings findet sich diese Sorge nicht im alltäglichen Handeln wieder. Das liegt vielleicht daran, dass die persönlichen Handlungsmöglichkeiten nicht bekannt sind oder falsch eingeschätzt werden. Häufig ist der Gedanke da: „Das muss die Politik richten“. Die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen, das ist richtig. Aber handeln müssen die Bürger schon selbst, da ist jeder in der Verantwortung.

Oft hört man aber die beliebte Behauptung, Klimaschutz sei zu teuer.

Klimaschutz kostet Geld, das ist richtig. Aber führende Ökonomen in Europa haben nachgewiesen, dass es uns alle wesentlich teurer kommt, nicht in den Klimaschutz zu investieren. Die Kosten für den Klimaschutz sind langfristig geringer, als die Folgekosten die durch eine ungebremste Erderwärmung entstehen. In den Klimaschutz zu investieren bietet darüber hinaus gerade für eine Wirtschaftsnation wie Deutschland auch große Chancen sich neue Märkte zu erschließen.

Wie vorbildlich ist die Rhein-Neckar-Region in Sachen Klimaschutz?

Das ist schwierig zu beantworten. Wir haben sicherlich mit der Stadt Heidelberg eine der bundesweiten Vorzeigekommunen in Sachen Klimaschutz hier in der Region, auch der Rhein-Neckar Kreis gehört mit seinen Aktivitäten zu den Vorzeige-Landkreisen in Baden-Württemberg. Aber es gibt auch noch immer Kommunen, die ihre Handlungsmöglichkeiten noch nicht ganz ausschöpfen, die zum Beispiel beim Neubau von Schulen oder Kindergärten keine Energieeffizienzgebäude errichten, sondern nur solche, die den gesetzlichen Mindeststandard erfüllen.

Wenn Städte und Gemeinden in Sachen CO2-Ausstoß eher eine untergeordnete Rolle spielen: Wer muss beim Klimaschutz mehr tun?

Größeren Anteil als Städte und Gemeinden haben bei den CO2-Emissionen die privaten Haushalte sowie Gewerbe und Industrie. Aber alle müssen ihre Bemühungen, Energie und damit CO2 einzusparen, verstärken. Im Bereich der Wohngebäude haben wir enorme Einsparpotenziale, die immer noch zu wenig im Zuge von ohnehin nötigen Sanierungsmaßnahmen am Gebäude ausgeschöpft werden. Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen beim Gewerbe, die zu einer Energie- und Kosteneinsparung führen. Dann das Thema Mobilität: Ein Bereich, in dem noch zu wenig passiert. Da geht es auch nicht nur um den Umstieg vom Verbrennungsmotor zum Elektrofahrzeug. Es geht um neue Mobilitätskonzepte. Entscheidend ist: Wir müssen unseren Energieverbrauch in allen Bereichen deutlich reduzieren und den geringeren Verbrauch durch erneuerbare Energien bereitstellen.

Die Metropolregion ist mit dem Pilotprojekt „Radschnellweg“ ja ganz gut dabei bezüglich der Mobilität. Und das Thema Windkraft ist zumindest auch in aller Munde.

Die öffentliche Diskussion dreht sich aber häufig „nur“ um das Thema Strom. Wir müssen aber auch in den anderen Bereichen wie Wärme und Verkehr deutlich effizienter und erneuerbarer werden. Es gibt hier kein Entweder-Oder. Keiner kann sich zurücklehnen und sagen: „Die anderen müssen es machen“.

Aber wenn Klimaschutz noch zu wenig in den Köpfen ankommt, muss es dann nicht doch die Politik richten?

Wir benötigen sicher dringend auch eine neue Ausrichtung in der Klimapolitik. Es muss darum gehen, dass wir klimaschädliche Energien konsequent verteuern. Für uns ist es doch selbstverständlich, dass wir unsere Abfälle, unseren Müll nicht einfach so wegschmeißen, sondern durch die Müllabfuhr entsorgen lassen und dafür bezahlen. Bei flüssigen Abfällen verfahren wir ebenso. Wir leiten sie in die Kanalisation, reinigen sie, und auch dafür bezahlen wir. Nur bei unseren gasförmigen Abfällen, besonders bei den klimaschädlichen CO2-Emissionen, die durch die Verbrennung fossiler Energien entstehen, findet die „Entsorgung“ nahezu kostenlos in die Atmosphäre statt. Das muss sich ändern. Wir brauchen auch hier einen Preis für die Entsorgung. Wir brauchen eine CO2-Abgabe. Das heißt: Wir müssen erneuerbare Energien nicht fördern. Wir müssen nur den wahren Preis für klimaschädliche, fossile Energieträger abbilden.

© Region Heidelberg vom Freitag, 4. August 2017, Seite 10

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